Liebe Düsseldorferinnen und Düsseldorfer,
einige von Euch machen sich Sorgen – um Eure Sicherheit, um die Zukunft Eurer Kinder, um das, was Deutschland ausmacht. Ich habe in den letzten Tagen mit vielen AfD-Wählern in Düsseldorf gesprochen und gemerkt, wie tief diese Sorgen sitzen können. Es wäre falsch, ihnen nur mit Zahlen oder politischen Allgemeinplätzen zu begegnen.
In diesen Gesprächen durfte ich hinter die Fassade des bloßen Protestwählers oder desjenigen, der aus Frust seine Stimme abgibt, blicken. Ich habe Menschen getroffen, die sich verloren fühlen, die sich von der Politik nicht ernst genommen sehen, die das Gefühl haben, dass ihre Lebensleistung entwertet wird, wenn „andere alles einfach so bekommen – ohne Leistung“. Bei allen wurden deutlich, dass sie die Entstehungsgeschichte des Nationalsozialismus als zu abstrakt, als „weit weg“ empfinden. Stattdessen seien für sie aktuelle Ereignisse – vor allem die medienwirksam verbreiteten Gewalttaten durch Migranten – viel präsenter und realer. Ich habe auch mit Menschen gesprochen, die Angst vor einer Zukunft, einer Gesellschaft haben, in der sie für sich keinen Platz mehr sehen.
Ich war tief beeindruckt und auch dankbar für diese Offenheit. In vielen Gesprächen durfte ich hinter die teilweise sehr entschiedene Haltung blicken, die oft wie eine Maske wirkte – eine Art Schutzschicht, um Unsicherheiten zu verbergen. Diese Menschen fühlten sich in ihrer Sorge oft nicht ernst genommen. Nur wenn wir diese Sorgen ernst nehmen, können wir auch Wege finden, ihnen zu begegnen. Wir müssen ehrlich darüber reden, warum Menschen sich für eine Protestwahl entscheiden – und was wir tun können, um aus dieser Spirale aus Unsicherheit und Angst auszubrechen.
Wir stehen an einem Wendepunkt. Ich spreche zu Euch als Demokraten, weil ich überzeugt bin, dass wir alle in Düsseldorf demokratisch denken und handeln. Deutschland, Europa – unsere Gesellschaften verändern sich. Migration ist ein Teil dieser Realität. Sie ist kein Unfall, keine Verschwörung, sondern eine Notwendigkeit in einer Welt, die sich stetig weiterentwickelt.
Auch in Düsseldorf sehen wir, dass unsere Gesellschaft Migration braucht – dringend. Wir stehen im globalen Wettbewerb um Fachkräfte, Talente und Zukunftsperspektiven. Länder wie Kanada oder die USA ziehen gezielt Menschen an, die Innovationen vorantreiben, Unternehmen gründen und Wohlstand schaffen. Aber Migration bedeutet mehr als nur Wirtschaft. Sie ist auch ein Ausdruck von Menschlichkeit und Verantwortung. Wenn wir diese Menschen nicht gewinnen, werden wir wirtschaftlich zurückfallen. Doch wenn wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt und unsere Offenheit verlieren, verlieren wir noch mehr.
Die meisten Menschen sehen Migration grundsätzlich positiv, weil sie wissen, dass sie unsere Wirtschaft und Gesellschaft stärkt. Doch die größte Angst vieler Menschen richtet sich nicht gegen den IT-Spezialisten aus Indien oder die Pflegekraft aus den Philippinen. Die Angst entsteht dort, wo Migration unkontrolliert erscheint, wo Menschen das Gefühl haben, dass sich ihr Lebensumfeld zu schnell und unvorhersehbar verändert.
Fluchtmigration – eine Herausforderung, die uns alle betrifft
Kriege, Krisen, Klimakatastrophen – Menschen fliehen, weil sie keine Wahl haben. Das war immer so und wird immer so sein. Aber wir müssen realistisch bleiben: Nicht jeder, der flieht, wird sich integrieren lassen. Unser System ist nicht darauf vorbereitet, hunderttausende Geflüchtete schnell und effizient in die Gesellschaft einzugliedern. Wir haben nicht genug Lehrer, nicht genug Ausbilder, nicht genug Integrationskräfte. Das bedeutet, dass viele Geflüchtete sich selbst überlassen bleiben – und genau daraus entstehen Spannungen.
Gleichzeitig erleben wir eine verzerrte mediale Wahrnehmung. Es gibt nicht mehr Gewalt insgesamt, aber eine stärkere Fokussierung auf Gewalt durch Geflüchtete. Einzelne schwere Taten sind furchtbar, aber die Art ihrer Verbreitung verstärkt Angst. Es entsteht der Eindruck, dass es „ständig passiert“ – dabei sind es Einzelfälle in einem Land mit über 80 Millionen Menschen.
Ehrlichkeit statt Illusionen: Sicherheit wird nie absolut sein
Wir werden auch in Zukunft mit Terroranschlägen rechnen müssen. Kein Staat kann das vollständig verhindern. Wer das Gegenteil behauptet, lügt. Aber wir tun unser Bestes, um Risiken zu minimieren – und wir lernen aus Fehlern.
Deshalb geht es nicht nur um Reden, sondern um konkrete Maßnahmen, die Politik dabei ist umzusetzen:
- Bessere Kontrolle, wer kommt: Schnellere Asylverfahren, klare Identitätsprüfungen, keine jahrelangen Unsicherheiten.
- Strengere Regeln für Straftäter: Wer in Deutschland lebt und schwere Straftaten begeht, muss schneller abgeschoben werden.
- Mehr Mittel für Integration: Wer bleiben darf, muss arbeiten, sich einbringen, Teil der Gesellschaft werden.
- Mehr Sicherheit im Alltag: Polizei, Ordnungsdienste, Prävention – sichtbare Maßnahmen gegen Gewalt und Extremismus.
Die AfD kann das Problem nicht lösen
Einige von Euch haben Sorgen und Ängste – das ist natürlich. Aber Angst ist nie ein guter Ratgeber. Eine AfD, die verspricht, „Migranten massenhaft abzuschieben“, kann dieses Versprechen nicht halten. Denn wenn Deutschland plötzlich Millionen von Menschen loswerden würde, stünden ganze Branchen still – Gesundheitswesen, Handwerk, Industrie. Das Ergebnis wäre ein wirtschaftlicher Absturz.
Und wer wirtschaftlich abstürzt, wird angreifbar. Unsere wirtschaftliche Stabilität ist nicht nur eine Frage des Wohlstands, sondern auch der Sicherheit. Wer glaubt, Deutschland könne sich abschotten und zugleich wirtschaftlich und verteidigungspolitisch stark bleiben, irrt. Ein wirtschaftlich geschwächtes Deutschland würde auf internationaler Ebene an Einfluss verlieren – und wäre anfälliger für äußere Bedrohungen. Staaten wie Russland, die zB eine von Moskau kontrollierte eurasische Zone von Wladiwostok bis Lissabon anstreben, würden von einer Destabilisierung Europas profitieren. Ist das wirklich die Zukunft, die irgendjemand von uns will?
Lasst uns offen und ehrlich über Migration reden
Ja, wir müssen nachbessern, wo es notwendig ist. Migration ist ein Lernprozess – für uns alle. Aber dieser Prozess kann nur gemeinsam gelingen. Wer mit Menschen spricht, die hierhergekommen sind, wer ihre Geschichte kennt, der erkennt, dass sie oft selbst große Opfer gebracht haben, um ein besseres Leben zu führen.
Genauso wie wir mit Migranten sprechen müssen, um sie zu verstehen, müssen wir denjenigen sprechen, die aus Sorge dazu neigen AfD zu wählen, um ihre Sorgen und Nöte zu begreifen. Sie dürfen nicht als „die Anderen“ erscheinen, sondern als Teil der Stadtgesellschaft, mit denen man reden kann und muss. Nur so können wir die Spaltung unserer Gesellschaft überwinden und gemeinsam an Lösungen arbeiten.
Absolute Sicherheit gibt es nicht – weder mit noch ohne AfD. Aber wir können Risiken minimieren und unsere Stadt schützen. Die Angst, die viele empfinden, ist berechtigt. Sie steht Euch zu. Niemand soll Euch sagen, dass Ihr Euch nicht sorgen oder fürchten dürft. Aber lasst Euch von dieser Angst nicht beherrschen. Wir dürfen selbstbewusst und mutig sein. Deutschland steht stark da. Unsere Demokratie ist widerstandsfähig. Es liegt an jedem von uns, dass das so bleibt.
Mark Schenk
Kommunalpolitiker, Krisenmanager, Düsseldorfer
Ich spreche hier nicht als Parteipolitiker, sondern als Düsseldorfer, der zuhört und Antworten sucht. Ich kritisiere nicht Wählerinnen und Wähler, sondern Scheinlösungen. Ängste sind real – doch falsche Versprechen helfen niemandem.