Die Bundestagswahl 2025 hat viele Fragen aufgeworfen. Während die AfD bundesweit 21 %, in Düsseldorf 11,3 %erreichte, lag sie in Garath bei 31 %. Eine Zahl, die mich nicht losließ. Als gewählter Vertreter für Düsseldorf sehe ich es als meine Verantwortung, auch in Stadtteilen wie Garath mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Ich musste mir eingestehen: Ich war noch nie dort. Also habe ich mich auf den Weg gemacht – um zuzuhören und zu verstehen.
Ein Stadtteil mit Herausforderungen – und Potenzial für politische Präsenz
Ich fuhr mit dem RRX nach Benrath und lief von dort nach Garath. Der Stadtteil hat eine lange Geschichte als sozialer Wohnraum, heute zeigt sich ein differenziertes Bild: gepflegte Wohnsiedlungen, eine spürbar ältere Bevölkerung, viele osteuropäische Bewohner – und ein Stadtbild, das zur Mittagszeit fast ausgestorben wirkte, da kaum jemand auf den Straßen war. Im Zentrum hingegen war bereits etwas mehr los. Erst am Nachmittag füllte sich das Bild, als sich viele ältere Menschen und Gruppen russischsprachiger Bürger an den Plätzen trafen.
Insgesamt sprach ich mit über 50 Menschen. Die folgenden Eindrücke stammen ausschließlich aus den Gesprächen mit den 11 AfD-Wählern. Ihre Beweggründe? Migration, soziale Unsicherheit, politische Vernachlässigung.
▶ Eine 85-jährige Frau, deren Familie immer SPD gewählt hatte, sagte mir, dass sie sich diesmal geschlossen für die AfD entschieden haben. Ihr Vorwurf: „Für uns, die wenig haben, bleibt nichts übrig – aber für die Migranten ist immer Geld da.“
▶ Eine junge Mutter klagte über die fehlenden Kitaplätze. Sie sagte: „Ich will das nicht, aber mir bleibt ja nichts anderes übrig.“
▶ Zwei weitere Mütter mit Kindern berichteten mir von negativen persönlichen Erlebnissen mit Migranten und sagten, dass sie nicht mehr bereit seien, solche Erfahrungen hinzunehmen.
▶ Ein junger Mann polnischer Herkunft erzählte mir, dass sein Vater hart arbeiten musste und heute kaum Unterstützung erhält, während er den Eindruck habe, dass Neuankömmlinge deutlich mehr Hilfe bekommen. „Wir haben uns alles selbst hart erarbeitet – während sie staatliche Unterstützung erhalten.“
Viele Gesprächspartner gaben an, dass sie sich durch die aktuelle Entwicklung verdrängt, bedroht oder ignoriert fühlen. Gleichzeitig fiel mir auf: Fast alle gaben zu, dass sie die Entstehungsgeschichte des Nationalsozialismus als „weit weg“ empfinden. Stattdessen seien für sie aktuelle Ereignisse – vor allem die medienwirksam verbreiteten Gewalttaten durch Migranten – viel präsenter und realer.
Wir hätten uns gewünscht, dass auch andere Parteien mit uns sprechen
Ein Satz, den ich mehrfach hörte. Viele Menschen hatten das Gefühl, dass sie im Wahlkampf zu wenig wahrgenommen wurden. Sie berichteten, dass vor allem die AfD sichtbar war, während sie sich mehr Dialog mit demokratischen Parteien gewünscht hätten. Viele haben den Eindruck, dass die Politik nicht mit ihnen spricht.
Was mich besonders beeindruckt hat, war die große Offenheit und Gesprächsbereitschaft der Menschen. Sie wollten ihre Erfahrungen teilen und schienen dankbar dafür, dass ihnen jemand zuhört. Die Begegnungen waren durchweg respektvoll – auch bei inhaltlichen Differenzen.
Fast alle Menschen, mit denen ich sprach, sind stolz auf ihren Stadtteil. Viele betonten, wie ideal Garath eigentlich gelegen sei und wie lebenswert es unter besseren Umständen sein könnte. Ihre Worte klangen oft wie eine Rechtfertigung, als wollten sie über die sozialen Schwierigkeiten hinwegsehen und sich selbst daran erinnern, dass ihr Viertel in Wahrheit ein wunderbarer Ort ist. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Stolz und Enttäuschung war in den vielen Gesprächen deutlich spürbar.
Insgesamt ist das eine Entwicklung, die uns als demokratische Parteien alle angeht. Unsere Aufgabe muss es sein, gemeinsam den Dialog zu suchen, sichtbarer zu werden und den Menschen zuzuhören.
Schlussfolgerungen: Was jetzt passieren muss
Ein zentrales Fazit meines Besuchs: Ängste lassen sich nicht mit Zahlen oder Fakten entkräften. Wer sich bedroht fühlt, sei es sozial oder sicherheitspolitisch, nimmt Argumente oft nicht rational auf – sondern durch die Brille der eigenen Erfahrung. Das bedeutet nicht, dass Sorgen und Ängste immer gerechtfertigt sind, aber sie sind real und prägen politische Entscheidungen. Wenn wir als demokratische Parteien diesen Ängsten nicht begegnen, werden es andere tun.
Die gehörten Argumente hatte ich natürlich erwartet, aber sie persönlich von den Menschen gesagt zu bekommen, war eine andere Dimension. Es war eine direkte und ungefilterte Konfrontation mit Sorgen und Ängsten, die in Statistiken oder Debatten oft abstrakt bleiben. Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung.
Mein Besuch hat mir drei zentrale Punkte deutlich gemacht:
1️⃣ Demokratische Parteien müssen in solchen Stadtteilen gemeinsam sichtbarer werden. Der interne Konkurrenzkampf zwischen CDU, SPD & Co. bringt hier nichts – er stärkt nur die AfD. Wir müssen die Gemeinsamkeit der Demokraten zuerst ins Schaufenster stellen, bevor wir uns in Spezialfragen unterscheiden. Eine gemeinsame umfassende Präsenzoffensive der demokratischen Parteien mit hoher Frequenz und Intensität ist meines Erachtens zwingend notwendig.
2️⃣ Garath 2.0 auf den Prüfstand stellen. Dieses Stadtentwicklungsprojekt sollte die Lebensqualität vor Ort verbessern. Aber was wurde tatsächlich umgesetzt? Und was bleibt bisher nur ein Konzeptpapier? Ich werde mich dazu erkundigen.
3️⃣ Zuhören, wiederkommen, handeln. Die Menschen in Garath haben mich offen empfangen, waren freundlich und gesprächsbereit. Sie wollen gehört werden. Es geht nicht darum, sie zu „bekehren“, sondern ernst zu nehmen.
👉 Ich werde in den nächsten Tagen wieder nach Garath gehen, um den Dialog fortzusetzen. Ich hoffe, dass wir als demokratische Kräfte gemeinsam aus diesen Gesprächen lernen und unsere Präsenz in Stadtteilen wie Garath weiter stärken. Denn eines steht fest: Politik muss präsent sein – nicht nur in Wahlkampfzeiten.